
Ein interaktives Buchprojekt der IWS creatorSfactory:
Wolfgang Nethöfel
STADTRELIGION. Ein abendländisches Orientierungsmuster im Epochenwandel
Unter dieser Rubrik werden vierzehntägig neue Kapitel des interaktiven Buchprojekts "STADTRELIGION" zur Verfügung gestellt. Auf diesen Seiten können Sie demnächst Stadtbilder zu den einzelnen Kapitel vorschlagen und in einer Hitliste die eingereichten Bilder "Religion und Kirche in der Stadt" voten. Gestalten Sie mit!

Die Stadt: nah und doch so fern. Da ist der „Moloch Stadt“, das lärmende, lichterzuckende New York, das nie schläft, das ferne lockende mächtige Sünden-Babel. Es sind die aufsteigenden und fallenden großen Städte, die einzelne übermächtig groß werden lassen und sie mitreißen in ihrem Untergang. Die große Stadt lockt alle an und speit die meisten wieder aus in die ständig wachsenden Banlieus und Slums der Peripherie, in der die nächste Generation wie festgebannt hockt und sich an die erinnert, die sie auf Nimmerwiedersehen verschluckt hat. [Kapitel 1...]

Damals in Athen haben die großen Götter die lokalen Traditionen aufgesaugt. Ihre Statuen und Tempel wuchsen in den Himmel, Priester und Priesterinnen schritten umher oder liefen wild durcheinander. Das große Fest war vorzubereiten, die Schiffsprozession sollte bald eintreffen, immer länger wurden die Listen, immer höher die addierten Zahlen. Am Anfang war die Schrift, und mit ihr kam das Geld. Ob sie die getrennt Produzierenden näher zusammenbrachten oder ob die Austauschbedürfnisse der beieinander Wohnenden aus Abbildern Symbole werden ließ: das ist wie mit ... [Kapitel 2...]

Jerusalem, die heilige Stadt, ist der Ort, an dem Himmel und Erde sich begegnen. Mitten in der Stadt wohnt Jahwe in seinem Tempel – dennoch wurden Stadt und Tempel mehrfach erobert und zerstört. Auch wer vorher geopfert hatte, konnte später leiden. Was in Athen die Philosophen sind, sind hier die Propheten. Sie knüpfen bei der Verarbeitung solcher Erfahrungen an das religiöse Orientierungspotential der alten Geschichten an, in denen der Himmelsgott die alte Erd- und Muttergöttin besiegte. [Kapitel 3...]

Nazareth, Galiläa: Lokale Autoritäten wie die Ältesten und die Zöllner repräsentieren vor Ort die Macht der Hauptstadt, so oder so. So, indem sie die Zusammenarbeit aufs Nötigste begrenzen, demonstrativ das Brauchtum pflegen und sich bis in die Kleidung hinein den städtischen Moden verweigern als die Reinen, die sauber bleiben. Oder anders, indem sie diese vor Ort vorführen, oft Karikaturen der Originale, und den Besatzern aktiv zuarbeiten, indem sie für sie die Abgaben einziehen: als wohlhabend beneidet, als korrupt verdächtigt, als Kollaborateure gefährdet – in jedem Fall: un-rein. [Kapitel 4...]

Später ist ein anderer unterwegs, Paulus predigt sich durch die Provinzen. Er will nach Rom und vor dem Ende der Zeit noch ans Ende der Welt, nach Gibraltar zu den Säulen des Herkules. Er kam aus Tharsus, war römischer Bürger und strenggläubiger Jude. Er war immer zu falscher Zeit am falschen Ort, immer zu spät. Erst in Antiochia, weitab von Jerusalem, begriff er ganz, was die Botschaft von Damaskus bedeutete, die seinen Blick gewendet hatte. Wenn er nun mit hellenistischen Juden, einst zum Judentum Bekehrten und Neuen, die einfach dazukamen, die neue Gemeinschaft lebte, dann erfüllte sich vor seinen Augen die Schrift. [Kapitel 5...]

Rom. Am Ziel. Nach Paulus ist auch Petrus angekommen und hingerichtet worden. Schwert oder Kreuz ist in der Hauptstadt die Alternative für Prediger aus der Unruheprovinz. Hier wie dort färbt sich der nächtliche Himmel über der brennenden Stadt, kriechen Angst und Wahnsinn durch die Paläste. Wenn die sanften Schwestern und Brüder in den Städten von einem Herrscher hören, der un-schuldige Kinder umbringen lässt, um die Herrschaft des Friedensfürsten zu verhindern, denken sie an den, der den Brand seiner Stadt besungen haben soll, ehe er andere als Brandstifter beschuldigt. Er weiß, was sie wissen: „Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen.“ [Kapitel 6...]

Immer wieder, immer noch und trotz alledem: Pilgrims’ Progress. Er selbst ist unterwegs und er lenkt die Schritte, nah und schwer zu fassen, immer schon da wo er will. In den schmalen Gassen, auf kleinen Plätzen, auf den Brücken, vor den Seitentoren, in Stau und Gedränge, wo man sich unversehens näher kommt, wo man spontan hilft, interessiert zuhört und sich dann im Kämmerlein und in verborgenen Stuben fragt, was diese Gegenwart bedeutet. Der Glaube bringt auf den Weg. Im Alter, wenn der indische Guru vor der Familie In die Wälder flieht, führt der kurze Weg in Bruderschaften und Beginenhöfe. Dort ist man fromm und arbeitet für andere, gleich weit von Kommerz, Kirche und Clan entfernt. Der lange Weg führt die ganz Jungen in die kleinen Klöster an der Stadtmauer und von dort in eine eigene Welt. [Kapitel 7...]

Wittenberg, die deutsche Provinz reagiert: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße’, hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll“, heißt es in Disputationsthesen, die ein Ordenspater und Theologieprofessor veröffentlicht. „Man soll den Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen ist besser, als Ablass zu kaufen.“ Und weiter: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes. Dieser ist zu Recht allgemein verhasst, weil er aus Ersten Letzte macht. Der Schatz des Ablasses jedoch ist zu Recht außerordentlich beliebt, weil er aus Letzten Erste macht. Also ist der Schatz des Evangeliums das Netz, mit dem man einst die Besitzer von Reichtum fing. Der Schatz des Ablasses ist das Netz, mit dem man jetzt den Reichtum von Besitzenden fängt.“ „Die Meinung, dass eine kirchliche Bußstrafe in eine Fegefeuerstrafe umgewandelt werden könne, ist ein Unkraut, das offenbar gesät worden ist, während die Bischöfe schliefen“, schreibt der Mönch. [Kapitel 8...]

Ein Jahrhundert später herrscht Religionsfriede in der Stadt. Wo früher Ablassbriefe und Flugblätter Durcheinander und Streit verursacht hatten, sind Bücher zur regelmäßig eintreffenden Messeware geworden, die ebenso wie die in unschöner Regelmäßigkeit veröffentlichten gedruckten Verordnungen aus der Residenz Aufmerksamkeit hervorrufen, aber meist nur mäßige Aufregung verursachen. Nach dem nicht enden wollenden Horror der Glaubenskriege ist Religion in der Stadt ein rechtlich geregeltes, moralisch regelndes Bekenntnis, das nur beim Kirchgang öffentlich wird. Es ist eine domestizierte, kastrierte Religion, die man in der Stadt duldet. Denn die Überlebenden eint die Erkenntnis, dass man traditional begründete Wahrheitsansprüche regulieren muss, damit Religion und Macht von nun an dauerhaft entkoppelt bleiben. [Kapitel 9...]

„Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Wie sie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker von den Bourgeoisvölkern, den Orient vom Okzident abhängig gemacht… Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen – welches frühere Jahrhundert ahnte, dass solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten.“ [Kapitel 10...]