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STADTRELIGION

Kapitel 1

  

Hinweis: Alle Texte des interaktiven Buchprojekts finden Sie im Kapitel-Überblick.

   

times square in New York

„Geh hinein in die Stadt,
und es wird dir gesagt werden,
was du tun sollst.“
(Apostelgeschichte 9,6)

   

    

Die Stadt: nah und doch so fern. Da ist der „Moloch Stadt“, das lärmende, lichterzuckende New York, das nie schläft, das ferne lockende mächtige Sünden-Babel. Es sind die aufsteigenden und fallenden großen Städte, die einzelne übermächtig groß werden lassen und sie mitreißen in ihrem Untergang. Die große Stadt lockt alle an und speit die meisten wieder aus in die ständig wachsenden Banlieus und Slums der Peripherie, in der die nächste Generation wie festgebannt hockt und sich an die erinnert, die sie auf Nimmerwiedersehen verschluckt hat. Da ist aber auch die Stadt Jerusalem, wo man sich trifft, „nächstes Jahr“, wie „nach dem Krieg um sechs“ in Prag. Paris als „Stadt der Liebe“, das verloren gegangene Paradies der Jugend, die Heimat, die man immer sucht, egal wo man lebt.

   
Greifbarer scheint die Stadt zu sein als Ort geschäftigen Bauens, nacheilenden Planens. Im komplexen Über- und Durcheinander von Verbindungen vielfältiger Art kreuzen sich Verkehrsströme, Informationen und Interessen. Knoten schnüren sich und lösen sich wieder auf, Grenzen verschieben sich, hektisches Treiben im Zentrum wechselt ab mit bleierner Ruhe und Monotonie in den städtischen Übergangszonen. Was gestern gestaltet wurde, wird heute abgerissen und morgen rekonstruiert. Ruhe findet der Städter allenfalls in den kühlen alten Kirchen im Zentrum. Dort begegnet er Abraham unterm Sternenzelt, dem Täufer in der Wüste, Maria und Josef in der Stallidylle, Jesus einsam auf dem Berg, allein im Garten oder mit den Jüngern am See, Antonius vor seiner Höhle, Franziskus allein mit den Vögeln oder mit seiner Schar im Freien. Wenn uns die fernen Urbilder unserer Religion im städtischen Alltag wieder nahe gekommen sind, können sie auch heute noch Kraft und Halt geben in Krisenzeiten. Vielleicht halten wir sogar im Alltag Ausschau nach ihnen und arbeiten in der Stadt darauf hin, ihnen in Urlaub oder spätestens im Ruhestand näher zu kommen. Aber wir glauben zu wissen, dass sie über uns ebenso wenig oder so viel aussagen wie die Bilder unserer Reisekataloge. Echt sind sie nur als Bilder unserer Sehnsüchte.

   

 

Die Stadt umfängt uns mitsamt unseren Träumen. „Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder – alles ist neu und doch immer das alte“, sagt der Dichter – von der Natur. Auch deren Inszenierung als Idylle hat ihren Ursprung in der Stadt. Sie ist deren Gegenbild, das in der Stadt produziert wird und diese als Hintergrund voraussetzt, um verstanden zu werden. Solche Orientierungsmarken werden innerhalb der Mauern gebraucht, und sie weisen ohne diesen Zusammenhang drinnen wie draußen in die Irre.

  

Die Stadt ist der gemeinsame „Sitz im Leben“ alter und neuer Schreckens- und Wunschbilder. Gerade in ihrer Doppelung von Bild und Gegenbild und als Arrangement von Figur und Hintergrund in wechselnden Konstellationen speichern die städtischen Traditionsmuster die traditionskritischen Erfahrungen vieler Generationen. Sie haben vom Abendland aus das Gesicht der Erde geprägt und quer durch die Kulturen hindurch das kollektive Gedächtnis der Welt. Heute organisieren sie Bedeutung „glokal“. Stadt und Land haben sich immer aneinander orientiert, heute tun sie dies weltweit vernetzt in Zusammenhängen, die sich überlagern und die den Planeten verändert haben, auf dem wir das Weltall rasen. Es lohnt sich, die Schichten abzutragen und einzeln zu betrachten, um sich besser in einer Welt zurechtzufinden, in der mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten wohnt und in der städtische Netze „das Land“ längst von allen Seiten umgeben. Die grünen Inseln zwischen den Städten sind als „Natur“ zur Deponie städtischer Träume und Wünsche geworden, geheiligt und gefährdet als Ort, an dem die Städter Herkunft und Heimat suchen.

  

weiter im: Kapitel 2